Sonntag, 12. November 2017

TAGEBUCH 11.11. ...Goethe und Brecht, die weisen alten Machos ...



Goethe, der alte Macho, der große Dichter, hat es gewusst, als er sein "Heideröslein" schrieb... aus dem ein Volkslied wurde und ein Schubert-Kunstlied... und man kennt es so und hat es so im Ohr, aber der tiefere Sinn in dem kurzen Gedicht wird meinen Zuhörern oft erst bewusst, wenn ich es spreche, spiele, wie eine kleine Szene... Konnte es gestern im Pelkoven-Schlössl bei dem Benefiz-Abend  für Springers "Orienthelfer e.V." und eine Moosacher Bürgerinitiative wieder merken, als den Menschen im Saal bewusst wurde, dass es in diesem Goethe-Text um eine Vergewaltigung geht... "musst es eben leiden..." Das Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach ...... #esauch..... 
Ich war fünfundzwanzig und mit meinem Sohn schwanger,  das weiss ich auch noch sehr gut, als ich bei einem Konzert im Bozner Waltherhaus das "Heideröslein" auf meine Weise spielte und sagte, und ich erinnere mich genau an die Reaktion der Bozner... ein lautes erstauntes Gemurmel ...

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
war so jung und morgenschön,
lief er schnell, es nah zu sehn,
sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: "Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden."
Röslein sprach: "Ich steche dich,
dass du ewig denkst an mich,
und ich will’s nicht leiden."
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.


Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden.
Röslein wehrte sich und stach,
half ihm doch kein Weh und Ach,
musst es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

J.W.Goethe

EMA - Akt auf einer Treppe 
Gerhard Richter
Museum Ludwig, Köln
Foto: KP

Der alte Goethe ahnte es also : Frauen sollen immer noch und wieder RÖSLEIN sein. Es stehen bei uns und nicht nur hier diejenigen in den Startlöchern, die das fördern werden. Sind in den Bundestag eingezogen. Sind gewählt worden. Von hauptsächlich männlichen Nicht-Nachdenkern...
Frauen aller Farben und Länder und aller Schichten ahnen, fühlen wissen und kennen die zutiefst maskuline und hunderte von Jahren alte tiefste tiefste Botschaft hinter den Griffen… den Angriffen, die sie erleben . 
Doppelpunkt:  Deine Bestimmung sind Heim und Herd und uns zur Verfügung stehen. Ausrufungs-zeichen. „Musst es eben leiden“ . 
Es hat sich wie ja allgemein auch öffentlich festgestellt wird letztlich noch nicht wirklich was geändert....
Wo ein Mensch einem Menschen überheblich, gewalttätig begegnet, in Worten oder Taten, da beginnt bereits Macht-ergreifung. Das Wort ist nicht zu hoch gegriffen, alles fängt irgendwo an, nichts kommt von nichts. 
Es verschieben sich gerade vor unseren Augen die Verhältnisse, es öffnet sich wieder Mal eine Lücke im Menschen-Geflecht auf diesem Planeten … und es schwappt eine scheinbar weiträumig unterstützte und selbstangemaßte Überlegenheit (auf der Basis wovon???) von unsicheren, komplexbeladenen, angstbesetzten,  meist männlichen, aber erschreckenderweise auch ein paar weiblichen Menschen an die Oberfläche und man will uns ALLE zurück in finstere Zeiten manövrieren. Es hängt von der Intelligenz, Klarheit, Menschlichkeit, und Wachheit von jedem von uns ab, dass das bitte nicht gelingt. 

So ähnlich habe ich das gestern gesagt, nachdem ich auch die wunderbare "Seeräuberjenny" vom alten Macho Brecht, dem großen Dichter, gespielt, gesagt habe ....Was alles in diesem TEXT steckt, das durch die so eingängige Weill´sche Melodie getragen wird....ich habe das Lied oft schon vorgetragen... Brecht ahnte mit dieser Ballade jedenfalls, dass Frauen - vielleicht - wieder anfangen werden, Racheträume zu träumen. Es stehen ja diejenigen in den Startlöchern, die das fördern werden. Sind in den Bundestag eingezogen. Sind gewählt worden. Von überwiegend männlichen Nicht-Nachdenkern...  


Meine Herrn, heut sehn sie mich Gläser abwaschen
Und ich mache das Bett für jeden
Und sie geben mir einen Penny
Und ich bedanke mich schnell
Und sie sehen meine Lumpen und dies lumpige Hotel
Und sie wissen nicht, mit wem sie reden
Und sie wissen nicht, mit wem sie reden
Aber eines Abends wird ein geschrei sein am Hafen
Und man fragt, was ist das für ein geschrei?
Und man wird mich lächeln sehn bei meinen Gläsern
Und man sagt: was lächelt die dabei?
Und ein Schiff mit 8 Segeln und mit 50 Kanonen
Wird liegen am Kai
Man sagt: geh wisch Deine Gläser, mein Kind
Und man reicht mir den Penny hin
Und der Penny wird genommen
Und das Bett wird gemacht
Es wird keiner mehr drin wohnen in dieser nacht
Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin
Und sie wissen immer noch nicht, wer ich bin
Aber eines Abends wird ein Getös sein am hafen
Und man fragt, was ist das für ein Getös?
Und man wird mich stehen sehn an meinem Fenster
Und man fragt: was lächelt die so bös
Und das Schiff mit 8 Segeln und mit 50 Kanonen
Wird beschiessen die Stadt
Und es werden kommen 100 gen Mittag an Land
Und werden in den Schatten treten
Und fangen einen jeglichen vor jeglicher Tür
Und legen in Ketten und bringen vor mir
Und fragen: welchen sollen wir töten
Und fragen: welchen sollen wir töten
Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen
Wenn man fragt: wer jetzt sterben muss?
Und dann werden sie mich sagen hören : ALLE
Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich : HOPPLA!
Und das Schiff mit 8 Segeln und mit 50 Kanonen
Wird entschwinden mit mir….

B.Brecht


ein Teil der Münchner Künstler, die gestern beim Benefiz-Abend dabei waren, vor dem Auftritt, in der Massengarderobe 😉  vom Pelkoven-Schlössl
(c)privat  

Text(c) Krista Posch


Mittwoch, 1. November 2017

FERNSEHEN .... STARK *






Welches Geheimnis, welche Traurigkeit in diesen Jugendlichen steckt.... wie sie in einem Geflecht von Erwachsenen-Lügen, Versteckspielen, Einsamkeit, Scheinheiligkeit aufwachsen und verloren gehen... in UNSEREM Geflecht... das passiert nicht nur in der Oberpfalz in einem kleinen Kaff. Das passiert im Kleinen wie im Großen...

Bin berührt, verblüfft, begeistert von dem, was ich jetzt vier Mal hintereinander gesehen habe ... Kann es fast nicht glauben... So kann ein TV-Vierteiler also auch sein : Vier mal 9o Minuten Spannung, ausnahmslos gute Schauspieler, eine Regie von Hans-Christian Schmid, die ohne Schnörkel und Umwege eine Geschichte erzählt, der man 360 Minuten lang ohne einen Moment von Ermüdung folgt, Drehbuch, Filmmusik, Szenenbild, Kostümbild ... die Genauigkeit, die dokumentarische Wucht ... ich komme aus dem Schwärmen gar nicht heraus. Die Art und Weise, wie sich das Drama dieser "Kinder" zuspitzt, ist von der Stringenz einer griechischen Tragödie. Kein einziges Mal dachte ich wie sonst häufig : Das könnte man aber auch in 60 Minuten erzählen. Oder auch gar nicht .
TV-Spielfilme, oder andere Formate wie "Tatort" zum Beispiel, erfüllen oft eine 90-Minuten-Pflicht, anstatt einen Inhalt. Einem Inhalt dienen, ihn erzählen, ihn uns nahebringen, den Zuschauer mitnehmen, ohne in Schulfunk-Erklärungen zu verfallen, den Zuschauer fordern, ihn für intelligent halten.... Alle vier Folgen sind bis Ende NOVEMBER in der Mediathek zu sehen. Schaut sie Euch an.

http://www.daserste.de/unterhaltung/serie/das-verschwinden/index.html


ELISA SCHLOTT als Janine



MARTIN FEIFEL und die herausragende JULIA JENTSCH





  • BESETZUNG:

  • Julia Jentsch Michelle Grabowski
  • Johanna Ingelfinger Manu Essmann
  • Saskia Rosendahl Laura Wagner
  • Elisa Schlott Janine Grabowski
  • Mehmet Atesci Tarik Karaman
  • Nina Kunzendorf Steffi Essmann
  • Sebastian Blomberg Leo Essmann
  • Caroline Ebner Annegret Wagner
  • Michael A. Grimm Helmut Wagner
  • Teresa Harder Kerstin Karaman
  • Vedat Erincin Ayhan Karaman
  • Godehard Giese Martin Göhl
  • Stephan Zinner Gerd Markwart
  • Martin Feifel Jens Köhler




Wikipedia: 
David Denk von der Süddeutsche Zeitung bezeichnet die Krimiserie von Hans-Christian Schmid als einen „großen Wurf.“ 
Auch Alexandra Seitz von der Berliner Zeitung ist voll Lob für den Regisseur und konstatiert „langen Atem, eine ruhige Hand und ein gutes Auge“ bei der gelungenen Umsetzung des Stoffes. Er ziehe „nicht nur simpel den verklärenden Schleier der Biederkeit und des Wohlanständigen beiseite, um einen dahinter liegenden Sumpf des Verbrechens zu beleuchten“, sondern es werden die, „die eigentlich nichts Böses im Schilde führen, die aber in unterschiedlichen Zwängen gefangen sind, die von Ängsten beherrscht und von unerfüllten Hoffnungen geplagt werden“, wunderbar ins Licht der Geschichte gebracht. 
Elmar Krekeler von Die Welt stellt fest, dass es Schmid gelingt über sechs Stunden die Handlung „offen, ambivalent und nicht erklärend […] auszubreiten, ohne an Tiefe zu verlieren und an Dichte und existenzieller Wucht.“