Mittwoch, 16. August 2017

Tagebuch, August, unterwegs (2)



Zeit haben dürfen hält jung, macht jung. 

Zeit auch nutzen können, zulassen, dass man sie hat, nichts müssen, was nicht gerade JETZT ist. Nichts anpeilen. Nichts erfüllen müssen. Fast Glück.


Urlaub ist, mit sich bei sich sein. Wo auch immer. 

Den Raum wechseln, das hilft, zu sich zu kommen. 




Und man bekommt Durst beim steilen Aufwärtssteigen, dem jungen Inn entlang. Freundlich die Dame mit dem Strohhut, sie müsse auch bald Pause machen, und lächelt und geht weiter. Es dauert Stunden bis zum malerischen Lunghin-See hoch und noch eine gute halbe Stunde bis zum Pass, 2645m, wo einmalig in Europa drei Flüsse ihre Ursprungsquelle haben: der Inn, die Maira, die Julia. Die Babystation der Riesenflüsse, die sich in die Nordsee, die Adria und ins Schwarze Meer ergießen schliesslich. Mich berührt das. 





Die Dame mit dem Strohhut sehe ich wieder unten am See, als ich die dampfenden Füße ins eiskalte Wasser tauche. Sie schlägt vor, einen anderen Weg gemeinsam zurückzugehen. Alle Wunder und steilen Wege erwarten uns und schliesslich auch das Dorf, in welchem HEIDI gedreht wurde, aber die Füsse können nicht mehr, nach 7 Stunden unterwegs bergauf bergab. Man lernt sich kennen auf so einem langen Weg und macht auch zusammen Autostop am Ende. Er muss heute noch nach Mailand, die Familie bleibt am Silser-See. Ferragosto, das Super-Weekend der Italiener, ist zu Ende. Mit der Strohhut-Dame tausche ich Mail-adresse und Telefon aus. Wann hab ich denn so etwas zum letzten Mal gemacht. Die Beine schmerzen, die Seele lacht.







In Maloja (Schweiz) die Gletschermühlen. Wahrzeichen der letzten Eiszeit. Künstler habe damit "gespielt", Mensch und Natur. Ohne Wettbewerb.





Auf dem Sentiero Segantini, Richtung Torre Belvedere.
"Ich bin auf der Suche nach der Quelle, die als Spiegel dienen kann", schrieb der Symbolist Segantini an seine Frau Bice. In dieser wassergefüllten Gletschermühle hat er ihn gefunden, um die Eitelkeit als "Quelle des Bösen" darzustellen....


Segantinis "Die Eitelkeit"


große glänzende Gletschermühle


Im Hotel Schweizerhaus übernachtete Freud seinerzeit mit seiner jungen Schwägerin. Eintrag im Gästebuch. Er war angeblich absolut monogam. Auch Freud musste sich also seiner Triebe vergewissern.  

Ein schönes Bild des Vaters von Alberto Giacometti hängt da, Giovanni Giacometti, er hat, wie in einem Brief steht, nie die 500 Franken dafür erhalten. Er wollte niemals mehr auf Vorschuss arbeiten. Künstler hatten es schon immer schwer mit den Finanzen. 

...



herzförmiger See Lac Zoe 

Ein Erlebnis, die vergangenen Tage in den französischen Bergen... in Souliers im Queyras, und in Boscodon danach. 



Soirée de Pizza, für alle im Dorf, mehr Touristen als Einheimische gibt es da, die leckerste Pizza ever gab es, frisch zubereitet vor aller Augen im Holzkohlenfeuer. Wein aus Pappbechern, Stimmung freundlichst animiert trotz Kälte.


Christina beim Teig ausrollen




Eine Nacht schlafen in der BERGERIE, kochen, Kühe beobachten, Kälbchen, alle wollten nahe an der Hütte sein, sie ist ein Unterschlupf für Wanderer bei Gewitter. Olga, mit der ich mich für ein paar Tage getroffen habe, und ich, wir habe das als Luxus empfunden, diesen Tag dort.
Einfachheit ist Luxus. 




Die Erde ist eine Pracht, ein Geschenk ist es darauf zu wandern, zu schauen, zu atmen, zu essen. Der Wiesenkräuterduft betörend.


Murmeltiere allenthalben. Pfiffe hinter mir her, wie in Jugendzeiten. 

Ich muss lachen.









text&bilder  (c)KPosch

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>>> mehr zu Giovanni Segantini

>>> mehr zur Wasserscheide am Lunghin






Sonntag, 6. August 2017

Tagebuch, August, unterwegs...



Ein Bild soll ich machen von ihm mit seinen zwei kleinen Kindern
Sie reisen gleich ab. Ich mache die Bilder. Wohl Scheidungskinder. Sie werden abgeholt, er bringt sie nicht zum Auto. 
Traurige Stille nachher über dem wilden Garten. Nur kurz. Er geht in die Küche. Table d´hote. Die Gäste - ich auch für eine Nacht - haben Hunger. 


Meine "Ferien", was immer das heisst, denn eigentlich hat man "Ferien" ja nur mit schulpflichtigen Kindern, oder, meine Ferien also verbringe ich am Liebsten unterwegs, jeden Abend eine andere Unterkunft, alle möglichen Varianten, von Schutzhütte über Hotel zu Pension oder eben Chambre d´hote (mein MacBook Air kennt keinen Zirkumflex). Zur Zeit Frankreich, Parc naturel de Queras, wandern, schauen, stillsein, mit fremden Menschen sprechen, wenn es sich ergibt, alles NEU erfahren, auch das Alte, auch mich.


vor der Pizza in Sauze d´Oulx ...


Jan kennt und respektiert meine "Wandergelüste", die nichts mit dem zu tun haben, was man darunter ja auch verstehen könnte; mit Ungebunden sein : ja. .. frei sein, sich treiben lassen. Verantwortungs-frei. Heute über den beeindruckenden Col d´Izoard in den Hautes Alpes gefahren, oben ausgehend von 2360m herum gestiegen, weg von all den Motorradfahrern, die sich die kurvige schmale Strecke rauf und runter werfen und schwarzes Dieselgeknatter verbreiten. 
Ferien-HOCH-zeit allüberall. Macht nix. Muss nichts, darf alles, und in zwei Wochen geht das Leben etwas geordneter wieder in München weiter, mit Alltag, mit anderem Sein, immer mit Sein.

Am Col D'Izoard 

La Casse deserte 

Dass ich den zerfetzten Vorder-Reifen bei 120kmh auf der A9, gleich in der ersten Stunde nach meinem Start aus München, so einfach und heil überstanden habe, das erfüllt mich immer noch und wieder mit Staunen und großer Dankbarkeit allen guten Geistern gegenüber, der ADAC und die Mindelheimer Werkstatt gehören auch dazu, - alle Hilfe ging so schnell und freundlich -  und noch erhöhtere Aufmerksamkeit auf allen meinen Wegen ist angesagt ... Die Runde hier auf dem Planeten sollte jedenfalls noch nicht zu Ende sein. 

jardin sauvage


Verkehrsfunk ist die einzige Stimme ( ausser meiner ) unterwegs. Ziemlich amüsant : "Die Unfallwagen werden gerade abgeschleckt" , noch in Österreich.... In der Schweiz werden manchmal die Staus und empfohlenen Umleitungen in Geheimsprache durchgesagt, was nicht so hilfreich ist, wenn man des Schwyzerischen nicht mächtig ist, aber dafür landet man amüsiert hinterm nächsten Auffahrunfall. 



Lac Zoe ... HERZFÖRMIGER SEE... oberhalb Chalp

Gleich werden wir gegessen haben, und ich werde Massimo aus Turin kennen gelernt haben, seit vier Tagen mit dem Rad unterwegs, Chantal aus Nantes, die auch deutsch spricht und eine Gewerkschaft hat, ganz klein, nur 8 Leute, sie erzeugen Energie für Luft, und ich werde rausgefunden haben, dass es sich um ihre Unternehmen für Luftpumpen handelt, ich werde Hubert ... Hübääär... kennen gelernt haben, der auch italienisch versteht und seine Frau Jacqueline, die nur gekochte Nudeln mit etwas Käse isst und Salat ohne Dressing, wir werden nicht wissen, wie der IS auf französisch heisst und warum Europa Italien allein lässt mit den Flüchtlingen und über Macron wird auch geredet worden sein, die beiden Belgier und Schweden werden über ihrem beouf bourguignon nicht bis zu mir durchgedrungen sein, mein Kopf wird von all dem Sprachenwirrwarr schwirren, Jean, le Chef, wird sein Wohnzimmer gezeigt haben, in welchem seine süssen Kinder heute toben durften, und das sich hinter der Tür mit der Aufschrift "La Bergerie" verbirgt, und ich werde nach dem Genepi-Eis mit gleichnamigem Likör wissen, dass Génépi auf deutsch Beifuss heisst, und somit das erste Mal Beifuss-Eis gegessen haben, und der Kräutertee zum Schluss gehört auch noch dazu.


... après le repas 

Die Zimmernummern der vergangenen Tage wollen mir auch etwas erzählen : 284 , 414 , 4 und 4 ....  
          
Morgen geht´s nach SOULIERS, was mein GPS nicht kennt, dafür aber GoogleMaps. Irgendwer hilft immer. Danke.




text&bilder,die beim Draufklicken grösser werden: (c)krista posch








Dienstag, 1. August 2017

1.8.Tagebuch ..DIE STIMME.. CHRISTIAN GERHAHER


Am farbigen Abglanz haben wir das Leben
(Goethe)





...Salzburg ist in Stimmung...



....sommerliches Lustwandeln, Schweiss unter schlecht sitzenden Toupets, sonnenbankgebräunte Gräfliche,  erwartungsfrohes Fächeln, eine japanische Klasse in Schuluniform, Damen der Gesellschaft, Security sucht Sicherheitsabstand zu Intendanten, Peter Sellers streckt seine Fühler hoch, Star-Pianisten genehmigen Fan-Selfies, Fürstinnen stehen herum, Jan und ich ebenso, und über allem thront die Festung, aus der es auch ohne Vorstellung am Domplatz immer Jeeedermaaaann zu schallen scheint . Die Sponsoren, die wir alle political correcterweise boykottieren, flattern im warmen Abendwind über Kühlem und Spritzigem.



Kurz von München nach Salzburg gefahren, um mich in Wahn und Weh und Vöglein und tote Herzkammern und Heine und Lenau und zwei Grenadiere und Nonnen und Sonnen hinein zu tauchen und „in der schönen Wiege der Leiden“ zu landen… in mir schwirrt ein ganzer Schumann´scher Kosmos jetzt, der heute Abend bei den Festspielen aufgeblüht ist in Form von zwei inzwischen grau gewordenen Buben im Frack, zwei Ausnahme-Musikerkünstlern, einer singt und einer spielt Klavier, und so einfach wie ich es hier sage ist es auch . So einfach wie grandios : Der Bariton Christian Gerhaher mit seinem langlangjährigen Klavierbegleiter Gerold Huber und einem Liederabend . 

Christian Gerhaher hat eine Art zu singen, die mich schachmatt setzt vom ersten Ton an, eine Klarheit, eine Reinheit kommt aus dieser männlichen Stimme, die so wandlungsfähig ist, hell, verinnerlicht, dunkel, kraftvoll, zart, zornig, sehnsuchtsvoll … Er packt seine Seele in seine Stimme. Er lässt seine Seele durch die Stimmbänder gleiten und alle Töne, die die Atemluft erzeugt, verwandeln sich in den klarsten und wahrhaftigsten Sinn, den der Dichter seinen nun gesungenen Worten auch wirklich geben wollte.  Versteht man das? Mir fiel es gerade auf diese Weise ein. 
Und - schwärme ich hier? Nein, ich will einfach nur sagen, was ist. Ich kenne keinen Sänger, der mich mit seiner ART was auch immer zu singen, so be-rührt, egal ob auf Tonträger oder live. Unvergessen sein ORFEO - wer als er soll ihn darstellen - in der gleichnamigen Oper von Monteverdi, vor ein paar Jahren im Prinzregententheater, München.
Gerold Huber lebt die Lieder, lässt die Töne an des Sängers Herz, ja, an sein Herz branden, dieses leitet sie hinauf zur Zunge und lässt geformt gefühlt gedacht herausströmen, was zu singen und zu sagen ist. Und Huber hat endlos Nachschub, er ist das Sprungbrett für Gerhaher, das Auffangnetz auch.

Eine FREUDE, die beiden singspielen zu sehen. 


Huber & Gerhaher beim endlosen Applaus





Festspiele en passant :


Peter Sellers, der Zauberer

Es ist viel zu heiss ......aber heute bin ich "Fan"....

PAUSE












Dom und Bühne und Abendschatten






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text & bilder: (c)krista posch 


Webseite von  >>> gerhaher
Die SZ schrieb vor einem Jahr über >>>gerold huber 

was wikipedia über die geschichte der >> salzburger festspiele  weiss