Die sogenannte SONATA FACILE von Mozart hat mich - fast - umgehauen.Dieses EINFACHE Mozart-Stück, das man fast nachsingen kann, so gut hat man es im Ohr, wurde - für mich(!) - neu geboren unter den Fingern von Sokolov.
Kein Schmalz, keine Süße, perlende Klarheit.
Ja, pure REINE Schönheit kann einen vom Konzertsessel wehen .
Die junge Frau auf dem Podium sank zusammen, während Sokolov inzwischen ohne Zäsur mit Mozarts Fantasie in c-Moll weiter machte, die Musik aus den Tasten schnitzte, hämmerte, streichelte, erschuf, spielte.
Göttlich bestrahlt. Mir fällt nichts Kleineres ein.
Es dauerte eine Weile, bis die Nachbarinnen des Mädchens merkten, was da geschah, es wurde geschüttelt und gestubst und erwachte wieder. Ein Mann holte Hilfe. Das Mädchen wankte hinaus. Die Ärztin kam ins Seitenzimmer.
Im Herkulessaal München, gestern abend.
Wir saßen in der sechsten Reihe und wie auf einer Breitleinwand sah ich ungewollt diesem Ereignis zu und zugleich dem älteren Herren im Halbdunkel am Flügel. Nur sein Haarschopf leuchtete weiss in den Raum.
PURE Schönheit kann einen schon vom Sessel wehen.
1400 Besucher liessen einem auch die Luft wegbleiben und angesteckt durch die Ohnmacht des Mädchens verliess ich den Saal in mulmiger Verfassung und mit streikendem Kreislauf und unter den lupenreinen Klängen von Sokolov.
Eine Schließerin brachte mir Wasser und ein Tütchen Zucker und als ich ihr erzählte, warum ich nun hier draussen auf der Bank liege, meinte sie mit ihrem netten Akzent: Sie sind sehr solidarisch, sie haben zu viel Empathie.
Zwei Sonaten von Mozart, eine Fantasie, Beethovens Sonaten op.90 und op.111.
Den zweiten Teil des Konzerts erlebte ich wieder mit.
Ganz hinten im Saal, wo ein Sessel frei war und die Luft besser.
Beethoven habe ich so plastisch, GENAU, unsentimental emotional, ja, das ist es : UNSENTIMENTAL EMOTIONAL, noch nicht gehört, aber ich bin ja auch ein relativer Konzert-Neuling, in dem Sinne, dass ich erst seit kurzem so häufig Konzerte besuche.
Am Ende war noch lange nicht Schluss. Wie wohl üblich bei Sokolov gab es auch gestern noch ein Konzert aus Zugaben:
Schubert , Chopin , Rameau , Bach.
Eine dreiviertel Stunde lang.
Auf dem Fahrrad unterm Vollmond nach Hause gefahren.
Lange nicht eingeschlafen.
Tief berührt.
| ...die Zugaben... Morgen, 14.3. spielt Sokolov in der LIEDERHALLE, Stuttgart und am 29.3. in der PHILHARMONIE in Berlin |
Kritik vom 15.3.17 : https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2017-03-15/page_2.222102/article_1.3419341/article.html
text & fotos: (c)krista posch
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