...aus einer notwendigen Konvention und zur allgemeinen Verständlichkeit für die Interpreten dieser Welt stehen auf fünf Linien schwarze Punkte in unterschiedlichen Abständen und der sie hingetupft hat ist meist nicht mehr anwesend, sondern ein anderer spielt das was er in den schwarzen Punkten liest auf einem Instrument.
Wenn dieser Eine gerade IGOR LEVIT ist wie heute Vormittag im aus allen Nähten platzenden Prinzregententheater fliegen die schwarzen Punkte um ihn herum, er sammelt sie allein durch seine Präsenz, atmet sie ein, lässt sie "geordnet" aus seinen Händen auf die Tasten fließen und da geschehen dann Wunder.
Ernst, sehr ernst betritt I.L. die Bühne, kämpft scheinbar mit irgendetwas in sich, verbeugt sich, setzt sich hin, ballt die Fäuste, drückt sie in den Klavier-hocker, lächelt kurz in dieses schwarze Maul vor ihm hinein, wie zur Begrüßung eines Komplizen für die kommenden zwei Stunden, und dann passiert ES einfach.
Ich bin nicht vom "Fach", was die Musik von Beethoven angeht.
Ich kann hören und fühlen und sehen. Das genügt mir.
Da LEBT einer diese Töne, egal wie "berühmt" gerade die Klaviersonate DER STURM ist oder wie eher "klein" - so hörte ich das um mich herum - die Sonate Nr.3 ist ... Hauptwerke oder Nebenwerke - alles Begriffe, die sich aus der Aufführungstradition gebildet haben müssen, bei I.L. sind alle Sonaten "HAUPT-sächlich", alle frisch und neu und gerade erfunden, so klingt das in meinen Ohren, meinem Körper, meinen Poren, meinen Zellen, im Moment und noch lange danach...
So viel Humor und Schmerz und Witz und Leichtigkeit in der Schwere und Swing und Tanz und Power und Geschmeidigkeit und Tiefe und Finsternis und am Ende des Tunnels immer LICHT.
Nach dem "Sturm" Erleichterung und ein tiefer Ausatmer aus seiner Brust. Ein MENSCH steht da, ein 31jähriger, der sich und uns alle im Saal von Shakespeares Sturm durchpeitschen, beruhigen, sich ängstigen, erhellen liess. Ein Drama, das I.L. aber auch immer wieder lächeln lässt, er macht das oft während des Konzertes, er scheint sich über Wendungen, über Modulationen, über Kindliches in einer noch so kurzen Passage zu FREUEN... Keine Ahnung, ob ihm das bewusst ist... Ich glaube, ES lächelt in ihm und aus ihm, wenn ES gerade will und sein soll ....
Rechts neben mir ein etwa zehnjähriger Junge. Er strahlt ernst.
Vor mir sagt eine Dame in der Pause zu ihrem Mann und was is jetzt? Halbzeit, sagt der.
Nach der Pause, nach den ersten Takten der "Pathetique" sagt der Halbzeit-Mann noch etwas zu seiner Frau. Igor schaut auf, ich denke er bricht ab, ein Handy lässt einen Ton, der schnell abgewürgt wird, Igor hebt während des Spiels beide Hände in einer weichen fassungslosen aber nicht zornigen eher mitleidigen Geste nach oben - und spielt weiter. ALLES gehört dazu, ALLES wird hineingenommen ins SPIEL, ALLES wird benutzt, ALLES wird verwandelt...
Die Zugabe widmet I.L. Christian Krügel, dem Lokalchef der Süddeutschen Zeitung, der 48jährig in dieser Woche gestorben ist. NACHTSTÜCK von Hindemith. Und Levit wird kurz zu einem melancholischen "Barpianisten", der sich scheinbar improvisierend, mit diesen Tönen leicht und schmerzvoll und tief, zu später Stunde von einem guten Freund verabschiedet...
Der fliederbeblühte Innenhof nimmt vorher, dazwischen, nachher alle auf, ob sie beglückt sind oder nicht ("Er hätte auch was anderes als Zugabe spielen können".... Hej!! Hat er aber nicht, Du Halbzeit-Mann!! )
Es geht ins nahe "La Cucina", obwohl man einerseits völlig genährt ist, andererseits der Körper nicht nur von fliegenden schwarzen Punkten leben will, die sich zwei Stunden lang um den Ausnahme-Pianisten Igor Levit versammelt haben, und von ihm in Beethovens Musik verwandelt worden sind.
Bin dankbar, dass ich heute dabei sein durfte *
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| Igor Levit nach dem Konzert (c)k.posch |
Text (c)Krista Posch

"...wie zur Begrüßung eines Komplizen..." erinnert mich an meinen "großen Meister" (so habe ich ihn immer genannt und nenne ihn auch immer noch so :) ) Fritz Kiskalt damals an der Hochschule, der mir beigebracht hat, wie ich mich auf der Bühne vorzustellen habe (ohne Worte versteht sich): "so liebe Leut, schauts her, das ist mein Cello, das ist mein Bogen und das bin ich und jetzt schauma mal, was wir drei heut hinkriegen!"
AntwortenLöschensehr schön.... :-)
LöschenWunderschön erzählt und darum gar nicht sooo bedauerlich, dass ich selbst nicht dabei sein konnte. Danke!
AntwortenLöschenFreut mich, dass ich es auch für Dich plastisch schildern konnte, liebe Nirit *
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